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Dieser Artikel ist am 24.03.2012 in der Südwest Presse erschienen.

Das ging unter die Haut




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Am liebsten würde ich selber Hip-Hop oder Breakdance tanzen, lacht Ute Fetzer. , Bild: Südwest Presse

Dokumentarfilme haben ihren ganz eigenen Charme, trotz "Mut zur Lücke" oder offenem Ende. Das bewiesen vier ausgesuchte Filme der 1. Geislinger DokuFilmTage in den vergangenen vier Tagen an vier Orten.

Mit "Neukölln unlimited" begannen die 1. Geislinger DokuFilmTage am Mittwoch. Ein Dokumentarfilm über 96 Minuten, ohne jedoch eine Minute Langeweile - ganz nahe an einer Immigrantenfamilie aus dem Libanon, seit 16 Jahren in Berlin-Neukölln lebend, seit 16 Jahren nur geduldet, ständig von der Abschiebung bedroht.

Ihre Angst, ihren Kampf um Akzeptanz und Aufenthaltserlaubnis - das zeigt dieser Film authentisch und ungeschönt. Über Jahre hinweg war Dietmar Ratsch als Regisseur, Produzent und Kameramann mit Hassan, Lial und Maradona unterwegs. Er filmte sie bei Asyl-Beratungsgesprächen, in der Schule, zu Hause oder beim Hip-Hoppen und Breakdancen. Das sind die Leidenschaften der Jugendlichen, hier haben sie Erfolg. Während Hassan und Lial Verantwortung übernehmen für ihre Familie, gerät Maradona auf die schiefe Bahn.

Ob er die Kurve kriegt oder abrutscht, bleibt offen. Auch andere Lücken im Film gibt es, um die Privatsphäre zu schützen oder weil einer, der Vater zum Beispiel, nicht im Film auftauchen will.

Trotzdem ging den über 60 Zuschauern im "Gloria Kino", der ersten der vier Veranstaltungsorte der DokuFilmTage, der Film "unter die Haut". Das zeigten die Reaktionen im Anschluss an den Film. Filmemacher Dietmar Ratsch war Gast des Abends und stand für Fragen und Kommentare zur Verfügung. Derer gab es viele - es wurde deutlich, dass der Film, gerade durch die dokumentarische Form, die Zuschauer zum Nachdenken angeregt und betroffen gemacht hatte.

Die GEISLINGER ZEITUNG hat im Anschluss die Gäste nach ihren Eindrücken gefragt: "Unheimlich beeindruckend" fand Ulrike Straub-Väth den Film. Es habe sie fasziniert, wie die Protagonisten, die nicht in so behüteten Verhältnissen aufwachsen, ihr Leben in den Griff bekommen und schon früh Verantwortung übernehmen. Gut gefallen haben der Aufhausenerin die eingeblendeten gemalten Szenen mit Musik. Diese hätten den Inhalt des Films auf besondere Weise transportiert. Für die 48-jährige Grafikerin war der Dokumentarfilm genauso spannend wie ein Spielfilm und keine Minute langweilig.

Der 17-jährige Justin Gonzalez fand den Film sehr interessant, "weil man die Immigranten von einer positiven Seite erlebt". Man sehe, dass sie kämpfen und versuchen, aus ihrer Situation rauszukommen. Der Vergleich mit Action-filmen sei nicht möglich, findet der Gymnasiast aus Geislingen, aber er schaue Dokus auch im Fernsehen gerne an.

Ute Fetzer schaut "prinzipiell lieber Dokumentarfilme als Spielfilme an", "weil ich deren Realitätsnähe gut finde und die meistens nicht so überdreht sind". In "Neukölln unlimited" gefielen der 41-jährigen Anwendungs-Entwicklerin vor allem die Hip-Hop- und Breakdance-Sequenzen gut. "Am liebsten würde ich selber so tanzen", lacht die Gingenerin. Sie gibt zu bedenken, dass es sich bei der porträtierten Familie vermutlich um eine Ausnahmefamilie handelt.

"Man kam durch die Art, wie der Inhalt filmisch aufgearbeitet wurde, den Personen sehr nahe", sagt Klaus-Peter Podlech, der sich rundum begeistert zeigt. Der 67-jährige ehemalige Schulleiter ist erstaunt, wie nahe der Film von der Spannung her an einen Spielfilm rankommt. "Die filmischen Mittel Kameraführung und Schnitt wurden so eingesetzt, dass man sich in die Personen hineinversetzen konnte, mitfühlen, welche Ängste und Kämpfe diese Menschen aushalten müssen." Für den Pensionär thematisiert der Film einiges, was man "in den Alltag mit ausländischen Mitbürgern einbringen kann".

Auch Ismael Mutlu hat der Film "sehr gut gefallen". Das Geislinger Stadtrats-Mitglied hat sich in früheren Jahren als aktives Mitglied bei Amnesty International immer wieder mit ähnlichen Fällen konfrontiert gesehen. Deshalb berührte dieser Film den 45-jährigen Monteur auf besondere Weise. "Diese Doku zeigt das wahre Leben", ist der Geislinger mit türkischer Herkunft überzeugt und fügt noch hinzu: "Die Ängste machen die Jugendlichen fertig. Für sie ist Deutschland Heimat, sie sind hier aufgewachsen!"

Warum Dokumentarfilm? Dietmar Ratsch, Filmemacher, 42 Jahre, aus Berlin: Weil ich von echten Geschichten und von echten Menschen fasziniert bin. Es ist viel spannender zu erzählen, was wirklich passiert. Ich will lernen durch die Schicksale anderer und werde dadurch auch zu einem Stück Wegbegleiter. Für mich ist das ein Privileg.


Autor des Artikels

Claudia Burst

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