Quelle (Link)
http://www.swp.de/geislingen/lokales/geislingen/Geislinger-Stadtwiki-Buergerbeteiligung-auf-virtueller-Ebene;art5573,2770220
Originalautor
Jochen Weis
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Stuttgart hat eins, Tübingen hat eins, Esslingen und Schorndorf ebenso - und Geislingen. Die Rede ist von einem Stadtwiki, die auf die lokale Ebene runtergebrochene freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. Holger Schrag und Kai Harth sind die Köpfe hinter dem Projekt, das im Oktober 2010 begonnen hat. 1,6 Millionen Aufrufe gab es seither unter geislingen.org.

"Hinter der Idee verbirgt sich die Suche nach einem Software-Tool, mit dem man alles machen kann", erläutert Schrag, "die Ausgangsfrage war: Wo kann man Wissen speichern, es der Nachwelt zugänglich machen, es weiterentwickeln, und fortschreiben? Und wie kann sich die Öffentlichkeit einbringen?" Schließlich landete Schrag bei Media-Wiki - jener freien Software, auf der auch Wikipedia basiert. "Ich habe da gegoogelt und bin irgendwann auf ein Stadtwiki gestoßen", sagt Schrag, "da dachte ich mir: Das wäre doch was für Geislingen. Ich sehe das Ganze als Baustein für eine Bürgerbeteiligung. Anders gesagt: Wir möchten mit dem Stadtwiki unseren Teil dazu beitragen, die Bürgerbeteiligung in Geislingen weiter nach vorne zu bringen."

Der Pferdefuß des Ganzen - wie bei allen offenen Webgeschichten: "Ein Wiki ist wie ein Topf, in dem alles drin ist", sagt Schrag, "das heißt, man muss in gewisser Weise Struktur reinbringen." Und es bedürfe einer "guten Suchfunktion, um der Informationsflut Herr zu werden" - zumal wenn alles miteinander vernetzt und verlinkt ist. Also schaute Schrag weiter. "Es ist schon spannend, wenn man die unterschiedlichen Ansätze sieht. Bei den einen betreut die Kommune das Stadtwiki mit, bei den anderen eine Zeitung."

In Geislingen lief es letzten Endes auf ein unabhängiges Stadtwiki hinaus, ein nach dem Willen Schrags sich selbst entwickelnder Organismus. "Das Stadtwiki Geislingen an der Steige ist eine freie Wissensdatenbank für die Stadt Geislingen an der Steige und seiner Stadtbezirke", heißt es am Portal - und ein Stück weiter: "Dabei sind ALLE eingeladen, mitzumachen und sich als Autoren am Aufbau des Stadtwikis zu beteiligen!"

Politik, Geschichte und Geografie, Wirtschaft, Freizeit, Kultur und Bildung, Menschen sowie Religion - in diese Sparten ist das Stadtwiki gegliedert. Vieles haben Schrag und Hardt schon angelegt und mit Inhalten gefüllt wie etwa Infos zur Geislinger Stadtgeschichte ("Da muss man sich schon schlau machen, wie es mit den Urheberrechten von Texten steht, da kann man nicht so ohne Weiteres alles reinkopieren"), hat Links gesetzt. Noch vieles Mehr in den Kategorien und Unterkategorien ist jedoch Fragment.

"Cool wäre es ja schon, wenn alle anfangen mitzumachen und sich das große Chaos entwickelt", meint Schrag. Und das können Vereine - die alle mit Grundinformationen im Stadtwiki vorhanden sind - ebenso sein wie Institutionen, Schulen, Kindergärten, Firmen oder aber einfach Privatpersonen.

"Das Konzept ist ja im Prinzip die Konzeptlosigkeit, es gibt keine Vorgaben für Beiträge, am Ende soll eine große Sammlung von Informationen stehen, aus der sich jeder bedienen kann", sagt Schrag. Das reicht von ganz simplen Informationen wie Öffnungszeiten, Kontaktadressen oder Veranstaltungsterminen bis hin zur Aufbereitung aktueller Themen in Wort und Bild. WMF, Bündnis Barrierefreiheit Bahnhof, Kommunalwahl, das alles fand und findet - aktuell noch in erster Linie dank Schrag und Harth - in Blogs und Wiki-Seiten seinen Niederschlag. Diskussion ist erwünscht "und auch für die qualitative Weiterentwicklung der Informationen notwendig", wie Schrag betont: "Spannend ist zum Beispiel der Beitrag zum Dreimännersitz, für den auch die GZ Informationen geliefert hat."

Dabei ist das Administratoren-Duo trotz aller Euphorie um die Möglichkeiten von Stadtwiki nicht blauäugig, weiß um die Gefahr, dass in einem für alle freien Internet-Auftritt eine latente Gefahr da ist, dass jemand mit den Beiträgen Missbrauch treibt - das kann von Beleidigungen bis hin zu verfassungsfeindlichen Äußerungen reichen. "Wenn entsprechende Kommentare kommen, greifen wir sofort ein", sagt Harth. Kontrollen der Inhalte gibt es täglich, "wir bekommen automatisch Benachrichtigungen, wenn sich etwas ändert", erläutert Harth. Für Diskussionen mit politischer Stoßrichtung haben die Administratoren den "Kommunalpolitischen Blog" eingerichtet, in dem jeder seine Meinung kundtun kann.

Dass das Stadtwiki wie sein globales Vorbild optisch in schlichtem Gewande daherkommt, sehen weder Schrag noch Harth als Nachteil. "Man muss schauen, die Hemmschwelle so niedrig wie möglich zu halten, sich am Stadtwiki zu beteiligen", meint Harth. Deshalb werde versucht, technisch alles soweit für den "Normal-User" anzupassen. "Das ist allerdings eine Herkulesaufgabe, aber es geht schrittweise voran", betont Schrag, "natürlich soll auch irgendwann die Barrierefreiheit der Plattform kommen."

Für Geislinger Vereine oder Institutionen wie Kindergärten, die noch keine Homepage haben, bietet dieser einfache Zugang eine Chance: Die könnten im Stadtwiki ihre Nische besetzen und mit wenig Aufwand eine eigene Online-Präsenz haben. Eine Win-Win-Situation für alle Seiten und ein weiterer Schritt, das Stadtwiki ganz im Sinne Harths und Schrags mit vernetztem Leben zu erfüllen.