Wo Licht ist, ist auch Schatten - wenn im Frühling die seelische Not ihren Höhepunkt erreicht

Veröffentlicht von Mandarine, 13. März 2017 | |
Wenn die Tage wieder länger werden und es draußen bunt und lebendig wird, verfallen manche Menschen in tiefste Verzweiflung. Was das bedeutet und wo es Hilfe gibt, kann hier nachgelesen werden.
  1. Während der Frühling für Manche ein Energiekick ist...
    Wenn ich im Morgengrauen in den warmen Federn liege und sich glasklarer Vogelgesang in meinen Traum stiehlt, dann weiß ich, dass Frühling ist. Denn mein Blick, der noch traumverloren aus dem Fenster schweift, erfasst die ersten zarten Töne des Tages am Himmel, statt des ewig dunkelkalten Anblicks, der es fertiggebracht hat, mich während der Wintermonate nach dem Aufstehen regelmäßig kopfüber in einen Topf schwarzen Kaffees zu stürzen. Aber jetzt, da die Tage wieder merklich länger werden, spüre ich ganz deutlich die Lebensgeister in mir erwachen. Und jede kleinste Einheit in meinem Körper verwandelt sich in eine Solarzelle, die hungrig und unermüdlich jeden Sonnenstrahl einfängt und in meinem geheimen Kraftwerk zu purer Energie umwandelt, die meine Denkmaschine anwirft und tausend kreative Ideen pro Minute ausspuckt. Alles ist jetzt möglich, Grenzen existieren nur theoretisch. Und so, wie die Natur da draußen den dunklen Wintermantel abstreift, habe ich den Drang mir die Turnschuhe anzuziehen und wie bekloppt durch die Gegend zu rennen und alle möglichen Leute zu besuchen, neue Projekte anzupacken, zu verreisen…

    ...wächst für Andere die Verzweiflung
    Dass es im Frühling nicht allen Menschen so geht, war mir lange Zeit nicht klar. Zum ersten Mal bewusst davon erfahren hatte ich vor vielen Jahren, während eines Praktikums in einer Beratungsstelle für Menschen in Lebenskrisen. Dass ausgerechnet im Frühling die Suizidstatistik nach oben geht, wollte mir zunächst nicht richtig einleuchten. Ich hätte ja eher auf November getippt, wenn draußen alles kahl und trüb ist und sich klammer Nebel auf‘s Gemüt legt. Oder auf die Weihnachtszeit, wenn alle fröhlich feiern und man sich selbst vielleicht ausgeschlossen fühlt – oder aber zum beschwingten Halleluja die schöne Fassade bröckelt, die Verzweiflung hoch kocht und der übelste Familienkrach auf den Tisch kommt. Aber nein, der Monat, dem in verschiedensten Studien eine signifikante Spitze der Suizidrate nachgewiesen wird, ist tatsächlich der Mai. Aber warum ausgerechnet dann? Im Wonnemonat, wenn alles strahlt, blüht, die Hormone überfließen und aller Ortens Tändeleien zu beobachten sind…? Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, wird in der Forschung das sozialpsychologisch-soziologische Modell des „Broken-Promise“-Effekts herangezogen. Demnach kann es sein, dass sich Menschen gerade dann besonders verzweifelt fühlen, wenn ein neuer Jahreszyklus beginnt. Das Versprechen des Neubeginns, das ja gerade im Mai mit viel Sonnenschein und bunten Farben so verheißungsvoll in der Luft liegt, wird von Menschen in belasteten Lebenslagen vielleicht dringend herbeigesehnt. Wenn aber die erhoffte Verbesserung in der jeweiligen Lebenslage nicht eintritt, dieses vermeintliche „Versprechen“ also nicht gehalten wird, wächst die innere Not und damit oft auch die Hoffnungslosigkeit.

    Eine Hand reichen - das geht!
    Was ich in meiner Praktikumszeit und in der darauffolgenden ehrenamtlichen Tätigkeit für diese Beratungsstelle gelernt habe: Menschen, die sich in einer seelischen Krise befinden, stecken meist in einer echten Notlage, aus der sie sich nicht so einfach alleine wieder befreien können. Vermeintlich logische, naheliegende oder einfache Schritte können sie oft nicht gehen. Und viele trauen sich auch gar nicht, über ihre Lage zu sprechen. Wie schlecht es jemandem in der nächsten Umgebung geht, kann daher von uns auch leider übersehen werden – vor allem, wenn wir selbst dem Frühlingstaumel erliegen und die Welt gerade umarmen könnten. Und wenn sich doch eine Ahnung einschleicht, dass da vielleicht etwas nicht stimmt bei unserem Gegenüber, dann haben wir oft Angst, den betreffenden Menschen darauf anzusprechen. Nur keine schlafenden Hunde wecken! Und was soll man überhaupt sagen?! Dabei ist soziale Isolation einer jener Faktoren, der Menschen in Krisensituationen noch weiter in eine Abwärtsspirale führen kann. Daher ist es so wichtig, aufmerksam zu bleiben – und zu wissen, was man tun kann!

    Hilfe und Selbstschutz
    Zunächst einmal: Es ist wirklich niemandem geholfen, mit Beschwichtigungen und „gut gemeinten“ Ratschlägen die individuelle Lage von Menschen in einer Krisensituation zu bagatellisieren. Nicht ernst genommen zu werden oder mit einer Reihe wohlmeinender Tipps überfahren zu werden, führt häufig nur dazu, dass sich Betroffene unverstanden fühlen und sich vor weiteren Angeboten verschließen. Über eine Notlage sprechen zu dürfen, ohne dabei sofort verurteilt oder belächelt zu werden, hat für Betroffene dagegen meist eine sehr erleichternde Wirkung und hilft dabei, sich von belastenden Gedanken und Gefühlen zu distanzieren. Dass man sich auf der Gegenseite aber angesichts von Not und Verzweiflung von Freunden oder Angehörigen auch ängstlich oder unsicher fühlen kann, ist sehr verständlich. Zudem ist es als Ansprechpartner*in auch wichtig, sich selbst gut zu schützen und im Zweifelsfall Rat einzuholen, wenn man sich im Umgang mit einer belasteten Person überfordert fühlt. In beiden Fällen gilt hier: Reden ist Gold!

    Um eine kleine Orientierung zu geben, wohin ihr euch wenden könnt, wenn ihr selbst Hilfe braucht oder euch Sorgen um eine andere Person macht, nenne ich im Folgenden einige Anlaufstellen:

    Sofortige Hilfe erhalten sowohl Menschen in Not als auch Angehörige und Freunde rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter der bundeseinheitlichen kostenlosen Rufnummer 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222 und im Internet unter www.telefonseelsorge.de.

    Auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention gibt es eine Übersicht zu verschiedenen Angeboten im Internet, die sich zum Teil auch speziell an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene richten, z.B.
    www.das-beratungsnetz.de oder http://www.youth-life-line.de/ oder http://www.u25-deutschland.de/ .

    Über die Seite der Stadt Geislingen gibt es außerdem eine Übersicht über verschiedene lokale Beratungs- und Hilfeangebote.
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