Hallo 2017 – zeig uns dein Gesicht!

Veröffentlicht von Mandarine · 3. Februar 2017 ·
  1. In diesem Text sollte es eigentlich um leere Kalenderseiten, Jahresmottos, gute Vorhaben – kurzum: um all die Dinge gehen, die so zum Jahreswechsel bei vielen Leuten auf der Tagesordnung stehen. Auch ich hatte mir ein Motto überlegt, zu dem ich auch gleich noch kommen werde. Was mich aber schon Ende Dezember irritiert hat, und bis jetzt nach wie vor so sehr beschäftigt, dass ich diesen „eigentlich-Januar“-Text nun erst im Februar zu Papier bringe, ist Folgendes:

    Jahreswechsel als Erlösungsmoment? Come on…

    Überall, also in persönlichen Gesprächen mit Freunden und Kollegen, in den sozialen Netzwerken, in den Medien, im mitgehörten Gequatsche im Bus und auf der Straße, also wirklich überall war gegen Jahresende die Rede davon, wie beschissen das Jahr 2016 doch war, und wie froh alle rundum wären, dass dieses Katastrophenjahr nun endlich vorbei sei. Massenhaftes Promisterben, verheerendes Wahlergebnis in den USA, Terroranschläge – allseits hatte wirklich jede*r genug davon und sehnte den Jahreswechsel dringlichst herbei. Auch ich hatte mich Ende Dezember zu einem derartigen facebook-Post hinreißen lassen à la: Jetzt bin ich aber auch langsam genervt. Das ist vielleicht auch so ein kollektiver Reflex, wenn in kurzer Zeit offenkundig so Einiges den Bach runter geht, was mensch so zwischen Weihnachtsbraten und Silvestersekt noch gar nicht realisieren will oder kann. Aber Fakt ist: Auch, wenn sich dann in der vermeintlich erlösenden Stunde 0:00 Uhr die Jahre 2016 und 2017 abgeklatscht haben – jetzt geht es doch erst richtig los. Das neue Jahr steht nicht da, mit blütenweißem Hemd und verheißungsvollem Lächeln. Nein. Es trägt im Gesicht die Spuren all der Ereignisse von 2016, vor denen wir uns am liebsten verstecken würden, und grinst uns allenfalls müde und kopfschüttelnd an. Zudem sind ihm bereits die Vorzeichen der Dinge ins Gesicht geschrieben, die uns nun bevorstehen. Und das, ihr Lieben - mit einem Menschen namens Trump an der Spitze der USA und den damit verbundenen Folgen für Klimaschutz, Menschenrechte, Integration und Frieden, und mit dem kräftigen Wind, der nun den Populisten dieser Welt in die Segel geblasen wird - das alles fängt doch gerade erst richtig an. Also, wie in aller Welt konnte auch nur für eine Sekunde der Eindruck entstehen, dass der Spuk mit dem Jahreswechsel ein Ende haben würde, so als könnten wir nach alptraumgeplagter Nacht endlich aufwachen?!

    Der Anfang ist da – und wir sind mittendrin!

    Aber es ist wichtig, nicht immer nur nach Übersee zu schielen und überheblich zu lästern. Gerade jetzt sollten wir uns darum sorgen, was in unserem eigenen Land geschieht. Wehret den Anfängen – mit diesem Satz bin ich groß geworden, vielmals gehört, gelesen und eingetrichtert bekommen. Nur: Es hat bereits angefangen. Genau jetzt! Die Welt ist dabei sich zu verändern. Und wir sind mittendrin. Wenn braune Kasper namens Höcke oder Petry zu brandgefährlichen Figuren werden können – und lauten Zuspruch bekommen, mitten aus unserer Gesellschaft – dann reicht es einfach nicht aus, den Kopf über die armen Amis zu schütteln… die im Übrigen auch zu großen Teilen recht verzweifelt sind, auf die Straße gehen, laut werden. Und ich hoffe sehr, dass die beginnenden Proteste dort erst den Anfang einer großen zivilgesellschaftlichen Bewegung darstellen und dem Irrsinn weiterhin standhaft entgegen gehalten werden. Eine solche Bewegung vermisse ich aber vor allem hier bei uns. Dabei wäre sie so wichtig. Überall da, wo unser freies, friedliches und demokratisches Miteinander bedroht wird. Ausnahmslos. Und dafür ist es notwendig, einmal gründlich in unseren Köpfen aufzuräumen – womit ich nun auch bei meinem Jahresmotto angelangt wäre.

    Aufräumen und seine Folgen

    Die Sache mit den guten Vorsätzen zum Jahreswechsel fand ich schon immer doof. Dafür führen mein innerer Schweinehung und ich eine viel zu harmonische Beziehung. Aber kurz vor Silvester dachte ich so: Boah, der Keller quillt über, im Kleiderschrank kein Platz, überall zu viel Kram und Krempel – da mach ich mir mal „Aufräumen“ zum Motto für die kommende erste Jahreshälfte, und miste kräftig aus. Und ich wäre ja nicht die Mandarine, wenn ich das nicht mit System machen würde. Also habe ich mir das Buch „Magic Cleaning“ der selbst ernannten Aufräumexpertin Marie Kondo durchgelesen, die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt. Also gleich mal vorweg: Der Titel des Buches hat mich erstmal abgeschreckt. Magie und so finde ich sehr cool in Büchern, Filmen, Cosplay, Videospielen usw. Aber im echten Leben? Naja… Ich hab dann aber schnell gemerkt, dass es sich bei dem ganzen Zauber um ein einfaches Vorgehen handelt: Du unterteilst deinen Besitz in Kategorien (Klamotten, Bücher, Unterlagen, Krimskrams, Erinnerungsstücke) und sortierst alles aus, was du nicht magst, nicht nützlich ist, bei dem du schlechte Laune bekommst oder ein schlechtes Gewissen – und trittst es in die Tonne! Hahaaaa, was für ein Spaß! Nur wer sich mal im totalen Wegwerf-Rausch befunden hat, kann nachvollziehen, wie geil und befreiend das ist, alte und unnütze Dinge endlich loszuwerden und sich so vom Ballast, Versprechungen, Erwartungen und Plänen zu befreien. Und das ist nun der springende Punkt: Um zu wissen, was ich nicht mehr behalten will, muss ich mir erst überlegen, womit ich mich aktuell und in Zukunft umgeben möchte. Was passt zu mir und meinem Leben? Was hat darin Platz? Und was nicht (mehr)? Wie definiere ich mich? Was ist mir wichtig? Was muss ich dringend los werden? Was schadet mir? Und ohne es vielleicht gleich zu merken oder es überhaupt vorgehabt zu haben, fängst du auch an deinen Kopf zu entrümpeln. Alte Glaubenssätze, die dich blockieren? Tschüss! Alte Vorstellungen, die nicht mehr passen? Adiós! Alte Kompromisse, die dich schon ewig nerven? Arrividerci! Je voller die Müllsäcke werden (im direkten und übertragenen Sinn), desto leichter wird dein Gemüt! Quasi nebenher.

    Zeit für eine Standortbestimmung

    Und dabei habe ich gemerkt: Es geht nicht nur um eine aufgeräumte Wohnung. Es geht auch um das Leben, das du führst. Es geht darum, Farbe zu bekennen: Was für ein Mensch will ich sein? Und einen Schritt weiter: In welcher Welt will ich leben? Um dann den notwendigen Schritt zu gehen: Alte Bequemlichkeiten und faule Kompromisse über Bord zu werfen, in die Hände zu spucken und etwas zu bewirken. In deinem Freundeskreis und deiner Familie. Direkt vor deiner Tür. Oder in den sozialen Netzwerken. Im Bus. Beim Einkaufen. Im Gemeinwesen. In Vereinen… Ja, das ist unbequem. Und ja, dazu hat auch niemand immer Lust. Aber es lohnt sich! Es ist wichtig! Es geht um unser Leben und die Welt, die wir hinterlassen. Mit dieser Haltung die Tagesnachrichten zu lesen, tut weh – mir zumindest. Und kann auch schon mal dazu führe, dass ich vor lauter Schnappatmung kaum dazu komme, einen kleinen Blogartikel für das Januar-Thema zu schreiben. Ist aber auch wieder nicht so schlimm, denn mir dämmert immer mehr, dass das Motto „Aufräumen“ für die ganze nächste Zeit aktuell bleiben wird – und zwar hoffentlich nicht nur in meinem Kleiderschrank, sondern auch in meinem Kopf und in den Köpfen all der Leute da draußen, die merken, dass es nicht mehr so bequem weitergehen kann, wie bisher. Und das Schöne daran: Du und ich, wir sind damit nicht alleine! Also – welches Gesicht 2017 am Ende haben wird, liegt nicht ausschließlich außerhalb unserer Reichweite oder nur in den Händen von irgendwelchen Politikern, Populisten oder Fanatikern. Wie das Jahr werden wird, das liegt auch an uns. Lasst uns diesen tranigen Modus abwerfen und wach unser Leben und unsere Gesellschaft gestalten. In diesem Sinne kann ich nun doch – zwar angespannt aber erwartungsvoll – sagen: Hallo 2017!!!
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Kommentare

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  1. hl10
    Zu diesem Text fällt mir nur ein, "Bitte entschleunigt den Alltag um das Leben zu entdecken!"
      Mandarine gefällt das.
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